Ansprache von Ralph Lagger, Präsident des Grossen Gemeinderates, anlässlich der Bundesfeier 2026

03. Aug 2026

Geschätzte Damen und Herren

Ich werde heute ganz bestimmt nichts Brenzliges erzählen – schliesslich herrscht Feuerverbot!

Ich hoffe, Sie haben alle etwas zum Durstlöschen dabei, und ich werde versuchen, die nächsten 15 Minuten als Politiker für alle spannend zu gestalten. 

Ich nehme an, Sie haben sich auch schon gefragt, warum wir in der Schweiz – und auch hier in Münchenbuchsee – so erfolgreich sind. Wir leben in Frieden, und es geht uns gut. Was macht unseren Erfolg eigentlich aus? Genau darüber möchte ich heute sprechen.

Je suis suisse allemand et je parle deux langues. Je parle le français et l’allemand.

Das geht sogar so weit, dass ich in der Romandie als Deutschschweizer unbemerkt leben kann. Ich kenne zwei Kulturen der Schweiz sehr gut und kann Ihnen sagen: Auch jenseits des Röstigrabens gibt es Schweizerinnen und Schweizer. Sie sind uns in vielem sehr ähnlich – und setzen trotzdem manchmal andere politische Prioritäten. Das Auto ist im Berner Jura beispielsweise weniger ein rotes Tuch als in Bern. Es ist eben anders und doch irgendwie gleich. Mir persönlich hilft diese Erfahrung sehr dabei, die Schweiz und ihren Erfolg besser zu verstehen.

Mein Leben hat mich bisher eines gelehrt: Hinter einer anderen politischen Meinung steckt oft eine andere Lebensrealität.

Wer versucht, diese zu verstehen, diskutiert anders. Denn vier Landessprachen bedeuten nicht nur vier Sprachen. Sie stehen auch für unterschiedliche Regionen, Kulturen, Traditionen und Lebensrealitäten. Ich kenne diese Unterschiede auch aus eigener Erfahrung. Mein Berner-Ich sieht manche Dinge anders als mein Walliser-Ich. Und genau das hat mir gezeigt, dass Unterschiede keine Schwäche sind. Sie gehören zu uns. Wir haben in der Schweiz viele Unterschiede. Und trotzdem – oder gerade deshalb – funktioniert unser Land.

Niemand startet seinen Weg am gleichen Ort.
Aber wir entscheiden gemeinsam, wohin wir gehen und wie weit wir gemeinsam kommen.

Demokratie allein erklärt unseren Erfolg nämlich nicht. Wahlen gibt es auch in anderen Ländern. Wenn ich mich heute nicht trumpiere, sehen wir gerade in anderen Demokratien, dass der respektvolle Umgang miteinander nicht selbstverständlich ist. Aber schauen wir lieber auf uns selbst. Was macht die Schweiz aus? Was braucht es zusätzlich?

Die Natur des Menschen kennt zwei Ohren und einen Mund. Zweimal zum Zuhören und einmal zum Reden. Daran versuche ich mich zu halten: doppelt so viel zuhören wie selber sprechen. Bisweilen wird mir das vielleicht als Schwäche ausgelegt, aber ich rede gerne, wenn ich einen echten Beitrag leisten kann. Deshalb gefällt mir auch meine Rolle als Präsident des Grossen Gemeinderates – bis auf heute Abend. Ich muss nicht immer Wortführer sein. Ich darf den Profis das Wort geben, wenn sie an der Reihe sind, und sie daran erinnern, wenn ihre Redezeit zu Ende geht. Denn beim Zuhören lernt man mehr als beim Reden.

Und ich habe festgestellt, dass wir im Grossen Gemeinderat selten derselben Meinung sind, am Schluss aber viele Geschäfte mit grosser Mehrheit verabschieden. Manchmal sogar das Budget.

In den Details setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte, aber im Grossen und Ganzen entscheiden wir für Münchenbuchsee. Genau das ist unsere Stärke! Bis zu einem Entscheid sind wir nie alle denselben Weg gegangen. Deshalb haben wir unterschiedliche Meinungen, diskutieren diese, ringen um Details und dürfen am Schluss sogar unterschiedlicher Meinung bleiben. Im Entscheid versuchen wir aber gemeinsam, Münchenbuchsee vorwärtszubringen. Gleichschaltung ist dafür nicht nötig. Die Diskussion bringt uns der Lösung näher. Solange diese Diskussionen von Respekt und gemeinsamer Verantwortung geprägt sind, bringen wir Buchsi vorwärts. Das ist eine Stärke.

Und Buchsi verändert sich. Die Geschichte bleibt auch bei uns nicht stehen. Unsere Gemeinde wächst. Neue Menschen kommen dazu, andere ziehen weiter. Alle haben ihren eigenen Weg zurückgelegt und bringen andere Erfahrungen mit.

Das erlebe ich auch in meinem Beruf als Berufsfachschullehrer. Je nach Elternhaus, Gemeinde und Schule kommen Jugendliche mit einem ganz unterschiedlichen Rucksack in meinen Unterricht. Meine Aufgabe ist es, dass nach den drei Lehrjahren in meinem Fach Deutsch möglichst allen dieselben Möglichkeiten offenstehen. Ihren Startpunkt im Leben – oder eben im Deutschunterricht – haben sie sich schliesslich nicht selbst ausgesucht.

Auch unsere Schulen hier vor Ort übernehmen genau diese Aufgabe – wir stehen heute schliesslich auf einem Schulhausplatz. Diese Aufgabe liegt mir besonders am Herzen. Bildung schafft Chancen und verbindet.

Kinder und Jugendliche können leider nicht im Grossen Gemeinderat mitdiskutieren und sagen, was sie sich wünschen. Eine gute Gesellschaft erkennt man aber daran, was sie bereit ist, denjenigen zur Verfügung zu stellen, die noch keine politische Stimme haben. Sie vertrauen darauf, dass wir diese Verantwortung wahrnehmen und heute an ihre Zukunft denken, damit auch sie jene Erfahrungen machen dürfen, die wir – sofern sie positiv waren – in der Schule erleben durften.

Es gibt Familien, die ihren Kindern vieles ermöglichen können. Andere können das nicht. Auch an sie müssen wir denken. Nicht jede Familie kann ihrem Kind einen Skitag oder eine Skiwoche ermöglichen. Die Schule kann dafür sorgen, dass trotzdem jedes Kind diese Erfahrung einmal machen darf. Sie ist einer der wenigen Orte, an denen jedes Kind dieselben Chancen erhalten soll. Diese Erfahrungen füllen den Rucksack, den wir alle im Leben brauchen. Vielleicht liegt auch genau darin ein Teil unseres Erfolgsrezepts.

Niemand startet am gleichen Ort. Niemand sucht sich seinen Startpunkt selbst aus.

Aber gerade mit diesem Wissen finden wir unsere Stärke im gemeinsamen Diskutieren und Aushandeln – in der Hoffnung, für alle die beste Lösung zu finden. Es ist eine Stärke, dass wir gemeinsam Verantwortung übernehmen und heute die Zukunft von morgen gestalten. Dass wir den Jungen von heute Vorbilder sind und ihnen gleichzeitig das Werkzeug mitgeben, das sie für ihre Zukunft brauchen, damit auch sie eines Tages Verantwortung übernehmen und diskutieren können.

Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell, weil sie von Anfang an diskutieren musste, um mit all ihren Unterschieden überleben und leben zu können. Unsere Unterschiede sind deshalb auch unsere Stärke. Unterschiedliche Meinungen zu haben, respektvoll zuzuhören und gemeinsam Lösungen zu finden, schafft Chancen und bringt uns alle weiter.

Niemand startet am gleichen Ort.
Aber wir entscheiden gemeinsam, wohin wir gehen und wie weit wir gemeinsam kommen.

Wir sind also nicht erfolgreich, weil wir alle gleich sind, sondern weil wir hier mehr als anderswo gelernt haben, mit unseren Unterschieden gemeinsam vorwärtszugehen.

Tragen wir gemeinsam Sorge zu diesem Stück Kulturgut und üben wir es heute Abend – beim Zuhören, beim Diskutieren und vielleicht auch einmal beim Einverstanden-Sein trotz unterschiedlicher Meinung.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Abend und einen frohen, kühlen 1. August

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