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Agnes Hirschi -
Pflegetochter von Carl Lutz - hat die Ausstellung in
Münchenbuchsee organisiert. (Foto Valérie Chételat) |
Eine Fotoausstellung über Carl Lutz und dramatischen Monate in der
ungarischen Hauptstadt unter dem Titel «Visa retten Leben» ist im
Kirchgemeindehaus Münchenbuchsee zu sehen.
Im März 1944 - der Krieg war für Nazideutschland bereits aussichtslos
geworden - besetzten die deutschen Truppen Ungarn und begannen mit der
Deportation der Juden in die Vernichtungslager, vor allem nach
Auschwitz. In Budapest unternahm Carl Lutz, der schweizerische
Vizekonsul, alles in seiner Macht Stehende, um möglichst viele jüdische
Menschen vor dem sicheren Tod in den Gaskammern zu retten. Mehrere
zehntausend Menschen konnte er mit Schutzbriefen vor der «Endlösung»
retten.
«Täglich fielen Bomben»
Eine Fotoausstellung über die dramatischen Monate in der ungarischen
Hauptstadt unter dem Titel «Visa retten Leben» ist ab heute im
Kirchgemeindehaus Münchenbuchsee zu sehen. «Ich freue mich sehr, dass es
gelungen ist, eine Ausstellung an meinem Wohnort zu organisieren», sagt
Agnes Hirschi. Die pensionierte Journalistin ist die Pflegetochter von
Carl Lutz. Im Zweiten Weltkrieg nahm Lutz sie und ihre Mutter zu sich in
die Residenz. Agnes war damals sechs Jahre alt. «Vom Herbst 1944 bis zur
Befreiung durch die sowjetischen Truppen im Februar 1945 war es die
Hölle. Wir waren in ständiger Lebensgefahr.» In den letzten sechs Wochen
lebten rund 30 Personen auf engem Raum im Keller. «Täglich fielen
Bomben, es war dunkel und kalt und wir hatten zu wenig zu essen»,
erinnert sie sich. Vielleicht habe sie deshalb noch heute den starken
Drang, an die Sonne und ins Freie zu gehen. Im Unterschied zu vielen
anderen sei ihr das Schicksal aber noch «gnädig» gewesen.
Carl Lutz war ein religiöser Mensch und gläubiger Methodist. «Er war
eigentlich ein braver, pflichtbewusster Beamter, doch Gott gab ihm eine
Aufgabe», sagt Agnes Hirschi. «Er wuchs über sich selber hinaus.»
Hunderte Menschen standen täglich vor der Schweizer Gesandtschaft und
hofften auf Rettung vor den Deutschen.
7800 «Einheiten» bewilligt
Lutz war zu Beginn des Krieges Vizekonsul in Palästina, einem britischen
Mandatsgebiet, gewesen. Dort übernahm er auch die Interessen der
Deutschen, weshalb er bei den späteren Verhandlungen mit Nazis wie Adolf
Eichmann in Ungarn eine relativ gute Position hatte. Die Deutschen
bewilligten 7800 «Einheiten» für die Auswanderung nach Palästina. Lutz
griff zu einer List und interpretierte die Einheiten als Familien,
weshalb es ihm gelang, viel mehr Menschen zu retten. Von den rund 850
000 ungarischen Juden wurden 630 000 getötet. Dank den unermüdlichen
Bemühungen von Lutz und von anderen Diplomaten neutraler Staaten – wie
dem Schweden Raoul Wallenberg – überlebten in Budapest 124 000 jüdische
Menschen den Krieg. Viele von ihnen waren in «Schutzhäusern»
untergebracht, wo sie sich vor den Deutschen und den ungarischen
«Pfeilkreuzlern» versteckten.
Lutz begab sich immer wieder in Lebensgefahr. Am schlimmsten für ihn war
es, als gefälschte Schutzpässe auftauchten. Lutz musste nun die echten
von den falschen Dokumenten unterscheiden – in einer Ziegelei, wo die
Menschen auf ihre Deportation warteten. «Das war furchtbar für ihn, denn
handelte es sich um ein gefälschtes Papier, so bedeutete dies das
Todesurteil.» Er habe darunter stark gelitten, erzählt Agnes Hirschi.
«Er war Tag und Nacht unterwegs, versuchte auch bei
Erschiessungsaktionen noch einzugreifen und Menschen zu retten.» Weil
seine Gesundheit stark angegriffen war, musste er sich nach dem Krieg in
einem Sanatorium erholen. Nach dem Krieg, und der Scheidung von seiner
ersten Frau Gertrud, heiratete Lutz die Mutter von Agnes. Gertrud hatte
ihren Mann sehr stark bei der Rettung der Juden unterstützt, später
engagierte sie sich für die Unicef und wurde deren Vizepräsidentin. In
den 1970er-Jahren war sie die erste Gemeinderätin in Zollikofen.
Rüge von der offiziellen Schweiz
Als Lutz in die Schweiz zurückkehrte, wurde ihm von offizieller Seite
kein Dank zuteil, stattdessen wurde er gerügt, weil er seine Kompetenzen
überschritten habe. Lutz starb am 13. Februar 1975 in Bern. Er habe
seine Gesundheit ruiniert, seine Karriere aufs Spiel gesetzt und zu
Lebzeiten in der Schweiz keine Anerkennung erhalten. In dieser Hinsicht
sei er verbittert gewesen, sagt Hirschi. «Sonst aber war er ein sehr
gütiger und lieber Mensch mit Appenzeller Humor.» Lutz war am 30. März
1895 in Walzenhausen AR geboren worden. Erst 1995 wurde er offiziell
durch Bundesrat Flavio Cotti rehabilitiert. In Budapest ist ein Denkmal
für Lutz errichtet worden, 1965 wurden er und Gertrud in der
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem mit dem Titel Gerechter
unter den Völkern geehrt.
Vernissage heute um 19.30 Uhr. Die Ausstellung im Kirchgemeindehaus in
Münchenbuchsee ist bis 9. Mai täglich bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt
ist frei.
Ein Artikel aus dem 
(Simon Wälti, Der Bund)
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