Sie sind hier: Home > News > Münchenbuchsee aktuell

 


«Er wuchs über sich selber hinaus»

30. April 2010
 
Agnes Hirschi - Pflegetochter von Carl Lutz - hat die Ausstellung in Münchenbuchsee organisiert. (Foto Valérie Chételat)

Eine Fotoausstellung über Carl Lutz und dramatischen Monate in der ungarischen Hauptstadt unter dem Titel «Visa retten Leben» ist im Kirchgemeindehaus Münchenbuchsee zu sehen.

Im März 1944 - der Krieg war für Nazideutschland bereits aussichtslos geworden - besetzten die deutschen Truppen Ungarn und begannen mit der Deportation der Juden in die Vernichtungslager, vor allem nach Auschwitz. In Budapest unternahm Carl Lutz, der schweizerische Vizekonsul, alles in seiner Macht Stehende, um möglichst viele jüdische Menschen vor dem sicheren Tod in den Gaskammern zu retten. Mehrere zehntausend Menschen konnte er mit Schutzbriefen vor der «Endlösung» retten.

«Täglich fielen Bomben»

Eine Fotoausstellung über die dramatischen Monate in der ungarischen Hauptstadt unter dem Titel «Visa retten Leben» ist ab heute im Kirchgemeindehaus Münchenbuchsee zu sehen. «Ich freue mich sehr, dass es gelungen ist, eine Ausstellung an meinem Wohnort zu organisieren», sagt Agnes Hirschi. Die pensionierte Journalistin ist die Pflegetochter von Carl Lutz. Im Zweiten Weltkrieg nahm Lutz sie und ihre Mutter zu sich in die Residenz. Agnes war damals sechs Jahre alt. «Vom Herbst 1944 bis zur Befreiung durch die sowjetischen Truppen im Februar 1945 war es die Hölle. Wir waren in ständiger Lebensgefahr.» In den letzten sechs Wochen lebten rund 30 Personen auf engem Raum im Keller. «Täglich fielen Bomben, es war dunkel und kalt und wir hatten zu wenig zu essen», erinnert sie sich. Vielleicht habe sie deshalb noch heute den starken Drang, an die Sonne und ins Freie zu gehen. Im Unterschied zu vielen anderen sei ihr das Schicksal aber noch «gnädig» gewesen.

Carl Lutz war ein religiöser Mensch und gläubiger Methodist. «Er war eigentlich ein braver, pflichtbewusster Beamter, doch Gott gab ihm eine Aufgabe», sagt Agnes Hirschi. «Er wuchs über sich selber hinaus.» Hunderte Menschen standen täglich vor der Schweizer Gesandtschaft und hofften auf Rettung vor den Deutschen.

7800 «Einheiten» bewilligt

Lutz war zu Beginn des Krieges Vizekonsul in Palästina, einem britischen Mandatsgebiet, gewesen. Dort übernahm er auch die Interessen der Deutschen, weshalb er bei den späteren Verhandlungen mit Nazis wie Adolf Eichmann in Ungarn eine relativ gute Position hatte. Die Deutschen bewilligten 7800 «Einheiten» für die Auswanderung nach Palästina. Lutz griff zu einer List und interpretierte die Einheiten als Familien, weshalb es ihm gelang, viel mehr Menschen zu retten. Von den rund 850 000 ungarischen Juden wurden 630 000 getötet. Dank den unermüdlichen Bemühungen von Lutz und von anderen Diplomaten neutraler Staaten – wie dem Schweden Raoul Wallenberg – überlebten in Budapest 124 000 jüdische Menschen den Krieg. Viele von ihnen waren in «Schutzhäusern» untergebracht, wo sie sich vor den Deutschen und den ungarischen «Pfeilkreuzlern» versteckten.

Lutz begab sich immer wieder in Lebensgefahr. Am schlimmsten für ihn war es, als gefälschte Schutzpässe auftauchten. Lutz musste nun die echten von den falschen Dokumenten unterscheiden – in einer Ziegelei, wo die Menschen auf ihre Deportation warteten. «Das war furchtbar für ihn, denn handelte es sich um ein gefälschtes Papier, so bedeutete dies das Todesurteil.» Er habe darunter stark gelitten, erzählt Agnes Hirschi. «Er war Tag und Nacht unterwegs, versuchte auch bei Erschiessungsaktionen noch einzugreifen und Menschen zu retten.» Weil seine Gesundheit stark angegriffen war, musste er sich nach dem Krieg in einem Sanatorium erholen. Nach dem Krieg, und der Scheidung von seiner ersten Frau Gertrud, heiratete Lutz die Mutter von Agnes. Gertrud hatte ihren Mann sehr stark bei der Rettung der Juden unterstützt, später engagierte sie sich für die Unicef und wurde deren Vizepräsidentin. In den 1970er-Jahren war sie die erste Gemeinderätin in Zollikofen.

Rüge von der offiziellen Schweiz

Als Lutz in die Schweiz zurückkehrte, wurde ihm von offizieller Seite kein Dank zuteil, stattdessen wurde er gerügt, weil er seine Kompetenzen überschritten habe. Lutz starb am 13. Februar 1975 in Bern. Er habe seine Gesundheit ruiniert, seine Karriere aufs Spiel gesetzt und zu Lebzeiten in der Schweiz keine Anerkennung erhalten. In dieser Hinsicht sei er verbittert gewesen, sagt Hirschi. «Sonst aber war er ein sehr gütiger und lieber Mensch mit Appenzeller Humor.» Lutz war am 30. März 1895 in Walzenhausen AR geboren worden. Erst 1995 wurde er offiziell durch Bundesrat Flavio Cotti rehabilitiert. In Budapest ist ein Denkmal für Lutz errichtet worden, 1965 wurden er und Gertrud in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem in Jerusalem mit dem Titel Gerechter unter den Völkern geehrt.

Vernissage heute um 19.30 Uhr. Die Ausstellung im Kirchgemeindehaus in Münchenbuchsee ist bis 9. Mai täglich bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Ein Artikel aus dem

(Simon Wälti, Der Bund)

 

zurück
 
Seitenanfang