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Die «Ghüderabfuhr» begann 1935 mit Ross und Wagen

29. April 2010
 

 
Sabrina, Matthias und Klaus Schwendimann führen das Familienunternehmen in vierter Generation. (Foto: Valérie Chötelat)
"Pferde mit gutmütigem Charakter" zogen einst den Abfallwagen. (Foto: zvg)

Die Schwendimann AG in Münchenbuchsee feiert das 75-Jahr-Jubiläum.


Matthias Schwendimann stammt aus einer Entsorger-Dynastie: In vierter Generation leitet er zusammen mit Bruder Klaus und Frau Sabrina das in Münchenbuchsee beheimatete Familienunternehmen. Dieses führt in mittlerweile 35 Gemeinden den «Ghüder» ab. Die Schwendimann AG feiert in diesem Jahr den 75. Geburtstag. «Ich wusste bereits von der dritten Klasse an, dass ich im Geschäft einsteigen werde», sagt der 45-jährige Matthias Schwendimann. Sein Grossvater habe ihn mit dem «Virus» angesteckt. Eine wesentliche Rolle spielten die fahrbaren Untersätze: Schon als Schulkind fuhr er mit einem «Haflinger» – über den Parkplatz und dem Grossvater über den Fuss. «Mit elf Jahren machte ich die erste Beule, als ich den Lastwagen in die Garage fahren wollte.» Er hatte übersehen, dass noch ein Fenster offen stand. Bald nach der Lehre als Lastwagenmechaniker trat er in den Familienbetrieb ein.

Mitdenker – nicht Mitarbeiter

«Heute sind Unfälle verboten», sagt Schwendimann. «Sicheres Schaffen ist das oberste Gebot.» Die Gesundheit der Mitarbeitenden gehe vor. Schwendimann hat ein Morgenturnen eingeführt, der Betrieb ist nach ISO-Normen zertifiziert. Er ist stolz darauf, dass pro Jahr und Mitarbeiter nur drei Tage an Absenzen zu verzeichnen sind. «Wir setzen auf Teamwork, nicht auf Hierarchien», sagt er. Die Firma ist in den letzten zehn Jahren stark gewachsen und zählt unterdessen 58 Mitarbeitende, Matthias Schwendimann nennt sie jedoch konsequent «Mitdenkerinnen und Mitdenker». Es wird aber nicht nur gedacht, lautet doch Schwendimanns Maxime «Machs!».

Keine «Schläger oder Ausreisser»

Angefangen hat die Firmengeschichte mit Schwendimanns Urgrossvater Rudolf Häberli. Dieser unterschrieb am 30. April 1935 im Gemeindehaus einen Vertrag für die Kehrichtabfuhr in Münchenbuchsee. Damals erfolgte die Abfuhr noch mit Ross und Wagen. In zehn Punkten sind die Pflichten des Fuhrhalters, der sich einen Nebenverdienst zur Landwirtschaft aufbaute, festgehalten. So heisst es unter Punkt 5, der Unternehmer habe für die Abfuhr zwei Mann und zwei Pferde mit geeignetem Wagen zu stellen. «Zur Bespannung sind nur Pferde mit gutmütigem Charakter zu verwenden. Schläger, Beisser oder Ausreisser sind ausgeschlossen.» Der Gemeinderat wollte nicht für eventuelle Beschädigungen haften. Abtransportiert wurde Haus- und Gartenkehricht, nicht aber Bauschutt oder «Abgänge aus gewerblichen Betrieben». Der Inhalt der bereitgestellten Gefässe wurde in den Wagen geleert, die Gefässe selber wurden wieder am Strassenrand abgestellt. «Mit den Gefässen ist sorgfältig umzugehen», hielt der Gemeinderat dazu fest. Die Abfuhr erfolgte jeweils am ersten und dritten Samstagnachmittag des Monats, pro Abfuhrtag erhielt der Unternehmer eine Entschädigung von 20 Franken. «Dabei ist die Leerung der Kehrichtgruben bei den Schulhäusern mit einbezogen.» Im Vergleich dazu waren die angedrohten Konventionalstrafen ziemlich happig: Falls Häberli gegen die Bedingungen verstossen sollte, war mit Bussen zwischen 5 und 50 Franken zu rechnen.

Nach den Pferden folgte der Traktor, und 1952 wurde der erste Lastwagen angeschafft, 1957 dann der erste Kehrichtwagen. Heute hat die Schwendimann AG einige Dutzend Fahrzeuge im Fuhrpark und mehrere Standbeine. Sie führt nicht nur den «Ghüder» ab, sondern betreibt seit 2001 auch den Werkhof in Münchenbuchsee und Sammelstellen in Münchenbuchsee und in Kirchberg. Dazu kommen ein Transportservice und die Kanalreinigung. Heute beläuft sich der Umsatz auf rund zehn Millionen Franken pro Jahr, Schwendimann rechnet aber anders: «Pro Tag müssen wir 30 000 Franken ‹zämechraue›.»

Sackgebühr macht Säcke schwer

Der grösste Einschnitt im «Entsorgungsbusiness» war die Einführung der Sackgebühr Anfang der 1990er-Jahre. Vor der Sackgebühr wog ein Sack rund 2,8 Kilo, danach 6,7 Kilo. Zum Teil sind die Gemeinden in der Zwischenzeit dazu übergegangen, den Abfall nach Kilo zu verrechnen. «In unserem Einzugsgebiet von Wohlen bis Niederösch bei Koppigen sind dies 15 der 35 Gemeinden», erklärt Schwendimann. Wie das Gewerbe in zehn Jahren aussehen wird, weiss er nicht. «Vielleicht wird Kehricht immer mehr zu einem Rohstoff, der für die Energiegewinnung einen Wert hat, vielleicht werden wir als Unternehmen einmal für den Abfall bezahlen müssen.» Heute kostet das Verbrennen einer Tonne Abfall 150 bis 180 Franken.

Koch und Zirkusfan

Schwendimann hat jedoch nicht nur den «Ghüder» im Kopf, er bezeichnet sich als grossen Zirkusfan. Während Jahren verbrachte er die Ferien beim Circus Monti und betätigte sich als Fahrer oder beim Zeltaufbau und in der Werkstatt. «Aufgetreten bin ich aber nie, ich bin nicht artistisch begabt.» Eine Lehre hat er aus der Zirkuswelt mitgenommen: «Gleich, ob Zirkus oder ‹Ghüdere›: Wenn es nicht sauber organisiert ist und die Leute nicht miteinander auskommen, dann stimmt am Abend die Kasse nicht.»

Auch die Kunst hat es ihm angetan. Das Firmenjubiläum feierte er mit einer Feueraktion, die von den Künstlern Basil Luginbühl und Urs-P. Twellmann gestaltet wurde. Die abgebrannte «Geburtstagstorte» hat auf dem Dach der Firma einen Ehrenplatz erhalten. Zudem widmet er sich der Gastronomie: Im Sommer bekocht er zusammen mit seiner Frau Gäste in einem mobilen Zelt, das er an einem lauschigen Plätzchen aufstellt. «Wir machen gerne anderen Leuten eine Freude, da können wir abschalten.»
Ein Artikel aus dem

(Simon Wälti, Der Bund)
 
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